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„Erst die Diagnose, dann die Therapie“

Er ist Arzt, Fernsehstar, Hochschullehrer und Unternehmer: Dr. Eckart von Hirschhausen über Inspiration für zukünftige Generationen, sein Engagement für Nachhaltigkeit und die heilende Wirkung von Humor.

Lesedauer: 8 Minuten

Herr von Hirschhausen, Ihre großen Themen sind die Klimakrise und der Gesundheitsschutz. Anfang des Jahres sind Sie zum Honorarprofessor ernannt worden. Ist man in dieser Konstellation ein Macher?
Eckart von Hirschhausen: Die Honorarprofessur ist mir eine große Ehre. Ich freue mich, dass die Themen, für die ich mich seit vielen Jahren einsetze, auch in der akademischen Welt zunehmend Anerkennung finden. Wenn ich damit die nächste Generation der Medizinerinnen und Mediziner inspirieren kann, ist das ein großartiger Hebel. Ich halte nun die Vorlesungen, von denen ich mir gewünscht hätte, sie in meiner Ausbildung gehabt zu haben. Ein Macher war ich schon immer, ich habe nie den Beruf gewechselt, nur die Spielfelder.

Warum die Klimakrise auch ein medizinischer Notfall ist

Wie meinen Sie das?
Als Arzt liegt mir immer schon unsere Gesundheit besonders am Herzen. Gegen Viren kann man impfen, gegen Hitze nicht. Der Mensch hält aber nicht mehr als 41 Grad Kerntemperatur aus, deshalb ist die Klimakrise ein medizinscher Notfall, gegen den wir mit keiner Tablette, keiner Operation und keiner anderen klassischen Therapie ankommen, nur mit guter Prävention und Public Health. Daher habe ich mich der Ursachenbekämpfung verschrieben und bin Botschafter für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen. Die 17 formulierten Ziele sind wichtig, weil wir nur noch wenige Jahre Zeit haben, die Lebensbedingungen auf der Erde erträglich für alle zu gestalten. Auf meinem aktuellen Buch „Mensch Erde – Wir könnten es so schön haben“ gibt es einen Button „Drei Krisen zum Preis von zwei“. Was wie ein Marketinggag daherkommt, ist die bittere Wahrheit: Die Klimakrise, das Artensterben und die Covid-19-Pandemie hängen sehr eng miteinander zusammen. Es gibt ein Zeitfenster von wenigen Jahren, in dem entschieden wird, ob wir dauerhaft und unwiderruflich das Erdsystem überhitzen oder eine enkeltaugliche Welt erschaffen.

"Gegen Viren kann man impfen, gegen Hitze nicht." Dr. Eckart von Hirschhausen
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Also sind Sie eher ein Mahner?
Mit meiner Stiftungsarbeit „Humor hilft heilen“ und „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“ versuche ich, aktiv zu sein und dicke Bretter zu bohren: mehr humane Humanmedizin und die Klimakrise und die globale Gesundheit mit wirksamer Politik angehen. Das hilft enorm gegen das Gefühl von Ohnmacht. Ich habe ein tolles Team und Kooperationspartner: Gemeinsam bewegen wir etwas. Ich möchte nicht nur auf meinen Fußabdruck schauen, der natürlich viel zu groß ist, sondern vor allem auf den Handabdruck. Wo kann ich etwas zusammen mit anderen in Bewegung bringen? Stiftungen sind das Venture Capital der Zivilgesellschaft. Vermögen bedeutet nicht nur Geld zu haben, sondern man vermag etwas zu bewegen.

Unternehmerinnen und Unternehmer als Vorreiter in der Krise

Sind in der Krise vor allem diejenigen gefragt, die wirtschaftlich erfolgreich sind, also Unternehmer und Unternehmerinnen?
Ja, unbedingt! Nur wenn wir die irregeleiteten Subventionen in fossile Infrastruktur sofort beenden und die Finanzströme in nachhaltige Investments umschichten, haben wir eine Chance. Viel zu lange galten Ökologie und Ökonomie als Feinde, aber inzwischen gibt es die Stellungnahmen von allen großen Thinktanks, Investoren und Beratern, die erkannt haben: green oder gar nicht. Das Teuerste, was wir jetzt tun können, ist nichts zu tun. Unternehmerinnen und Unternehmer können Vorreiter sein. Wer das verpasst, spielt bald nicht mehr mit. Das geht los beim Bezug von erneuerbaren Energien, Konten bei ethischen und nachhaltigen Banken und einem der größten Hebel überhaupt, der Geldanlage. In der Pandemie haben sich nachhaltige Fonds viel besser entwickelt als viele konventionelle. Damit noch mehr Geld in Innovation und Erhalt unserer Lebensgrundlagen geht, braucht es einen wirksamen C02-Preis mit sozialer Komponente wie in der Schweiz. Ein Witz, dass wir das bisher nicht hinbekommen haben und lieber Tanken und Flugbenzin weiter subventionieren.

Zur Person

Dr. Eckart von Hirschhausen ist Gründer der Stiftung „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“. Die Stiftung hat sich zum Ziel gesetzt, die Zusammenhänge von Klimawandel, Umwelt und Gesundheit anschaulich zu machen. Er ist auch Autor („Mensch, Erde! Wir könnten es so schön haben“) und setzt sich seit 2018 für eine medizinisch und wissenschaftlich fundierte Klimapolitik ein. Er ist Mitglied der „Scientists for Future“ und Unterstützer der „Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit“ (KLUG).

Humor ist das Stichwort. Eigentlich sind Sie als Entertainer bekannt. Nun wollen Sie nicht mehr unterhalten, sondern die Welt retten?
Die Welt ist eine andere als vor zwölf Jahren, und ich habe mich auch verändert. Ich war immer schon ein vielseitiger Mensch, mit Standbein und Spielbein, Neugier und dem Wunsch, Dinge weiterzuentwickeln. Die Menschen unterscheiden nicht nach „E“ und „U“, sie unterscheiden zwischen authentisch oder aufgesetzt, langweilig oder interessant. Mitzuhelfen, unsere Welt zu retten, ist angesichts der brisanten Lage eher eine Selbstverständlichkeit. Die Rolle als lustiger Arzt habe ich schon vor drei Jahren verlassen. Wir Menschen sind die einzigen, die nach vorne schauen können. Das nimmt uns keiner ab, denn wir wissen, dass uns nur noch wenig Zeit bleibt, den Hebel umzulegen. Wir haben lange genug wertvolle Zeit verplempert bei der Gesundung des Planeten.

Klimakrise, Pandemie, Artensterben: Katastrophen mit Ansage

Inwieweit hat Ihnen Ihre Ausbildung als Mediziner geholfen, zu diesen globalen Erkenntnissen zu kommen?
Eines habe ich als Arzt gelernt: erst die Diagnose stellen, und dann über die Therapie reden. Daran  halte ich mich.

Glaubt man Ihnen mit diesem Hintergrund mehr als anderen?
Gesunde Menschen gibt es nur auf einer gesunden Erde. Natürlich hilft es, wenn ein Arzt solche Thesen aufstellt und sie verständlich darstellt. Die Klimakrise, die Pandemie, das Artensterben sind drei existenziell bedrohliche Krisen – alles Katastrophen mit Ansage. Je länger wir zu wenig dagegen unternehmen, desto heftiger und unwiderruflicher zahlen wir und die nächsten Generationen mit  unserer Gesundheit den Preis.

Wenn Sie in die Zukunft schauen: Die Fridays-for-Future-Demos gewinnen zunehmend an Öffentlichkeit. Bedeutet das, dass zukünftige Führungskräfte eine andere Einstellung zu den Themen haben werden als die heutigen?
Das ist heute schon so. Und auch „alte weiße Männer“ hören auf ihre Töchter und Söhne, wenn die am Küchentisch fragen, mit welchem Recht wir ihre Zukunft zerstören. Ich erlebe in diesen Fragen aber auch eine sehr offene und kooperative Umgangsweise, Wissen und Kontakte zu teilen und zu verstehen: Wir schaffen das gemeinsam oder gar nicht. Was ich an der neuen Protestkultur mag: Da sind sehr viele sehr tief in den Themen und dennoch humorvoll. Ich liebe die Plakate mit Augenzwinkern: „Kurzstreckenflüge nur für Insekten“, „Wozu Bildung, wenn keiner auf die Gebildeten hört?“ oder noch direkter „Klima ist wie Bier – warm ist Scheiße!“


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